KI-Porträt oder echtes Foto? A Portrait Photographer's Perspective
- Gregory Schwarzacher

- vor 2 Tagen
- 8 Min. Lesezeit
(Version Sommer 2026)
"Braucht man heute überhaupt noch einen Fotografen, wenn ein KI-Tool auf Knopfdruck einen Headshot liefert?"..... Diese Frage kommt inzwischen in nahezu jedem Kundengespräch. Die Antwort ist nicht "KI kann das nicht" – generative Modelle können erstaunlich viel, und ich arbeite selbst täglich mit solchen Werkzeugen. Die Antwort liegt woanders: bei der Frage, was ein Porträt leisten muss, unter dem Ihr echter Name steht.
Was ich aber sehe, ist, wie sehr KI bei meinen Kundinnen und Kunden angekommen ist. Anfangs waren es die Arbeitsabläufe: Texte, Übersetzungen, Recherche, Präsentationen. Inzwischen sitze ich immer öfter in Gesprächen, in denen jemand ganz offen fragt, ob man die geplanten Bilder für die Firma nicht einfach generieren lassen könnte. Das ist eine berechtigte Frage, und ich nehme sie ernst – sie verdient eine ehrliche Antwort statt einer emotionalen Reaktion.
Wie diese Antwort ausfällt, hängt allerdings davon ab, wofür ein Bild da ist. Bei einem Stimmungsbild kann man das eine oder das andere gut finden. Sobald aber ein Mensch mit Namen, Funktion und Firma darauf zu sehen ist, geht es um etwas anderes: Dann muss die Person auf dem Bild auch wirklich die sein, die sie zu sein vorgibt. Genau um diesen Fall geht es mir hier.
Was generative Bildverfahren technisch leisten
Die Stärken sind real und es lohnt sich, sie zu kennen. Aktuelle Modelle beherrschen Lichtstimmungen, Bildlooks und Umgebungen auf einem Niveau, das vor drei Jahren aufwendige Studioarbeit gewesen wäre. Sie erzeugen Varianten in Sekunden, sind ortsunabhängig und brauchen keinen Terminkalender.
Für Konzeptbilder, Moodboards, Stimmungen und Umgebungen ist das ein starkes Werkzeug – und ein Bereich, in dem sich das Ausprobieren wirklich auszahlt.
Der Porträtbereich ist allerdings ein Sonderfall. Nicht weil die Technik schwach wäre, sondern weil hier eine andere Anforderung dazukommt: Das Bild muss eine bestimmte, real existierende Person zeigen. Es reicht nicht, dass es echt wirkt – es muss echt sein.
Warum Gesichter der schwierigste Fall sind
Die Einschränkung ist keine Frage der Modellqualität, sondern eine des Verfahrens. Diese Tools bekommen ein paar Selfies und einen Prompt und erzeugen daraus eine Interpretation. Was in den Selfies nicht vorkommt, ergänzt das Modell aus dem, was es allgemein über Gesichter gelernt hat. Das ist technisch beeindruckend – nur entsteht dabei ein Gesicht, das Ihnen ähnlich sieht. Aber nicht Ihr Gesicht.
Denn wir sind darauf trainiert, Gesichter zu lesen: Minimale Abweichungen fallen sofort auf, auch wenn man sie nicht benennen kann. Die Haut wirkt eine Spur zu glatt. Die Augen ein bisschen zu symmetrisch. Der Brillenrand verschmilzt seltsam mit der Schläfe. Das Ergebnis ist nicht "schlecht" – es ist irgendwie komisch. Und genau dieses Gefühl bleibt bei der Betrachterin oder dem Betrachter hängen.
Robotiker nennen dieses Phänomen das Uncanny Valley: Je näher eine Darstellung an echt herankommt, desto stärker stört jede kleine Abweichung. Fast perfekt ist unangenehmer als offensichtlich künstlich.
Bei einem Business-Porträt ist das doppelt heikel. Das Bild soll ja Vertrauen aufbauen – auf LinkedIn, der Firmenwebsite, im Angebot. Ein Bild, das beim Gegenüber ein leises Unbehagen auslöst, arbeitet gegen genau diesen Zweck.
Der Realitätstest beim Kennenlernen
Es gibt einen zweiten, sehr praktischen Punkt, den Tools nicht lösen können: Sie treffen Ihre Kunden irgendwann persönlich.
Generative Verfahren tendieren zur Optimierung: Sie glätten, vereinheitlichen, ziehen alles Richtung Durchschnitt – das liegt in ihrer Funktionsweise. Das Ergebnis gefällt oft im ersten Moment. Nur baut Ihr Gegenüber darauf eine Erwartung auf und sitzt dann jemand anderem gegenüber. Das ist kein moralisches Problem, sondern ein handfestes: Der erste Eindruck korrigiert sich nach unten, und zwar genau in dem Moment, in dem es zählt.
Ein gutes echtes Porträt zeigt Sie an einem guten Tag, gut ausgeleuchtet, entspannt. Aber es zeigt Sie. Wer Ihnen später gegenübersitzt, erkennt Sie wieder – und das ist ein Vertrauensvorschuss, den kein generiertes Bild liefert.
Konsistenz im Team
Was bei einzelnen Bildern noch funktioniert, bricht bei Teams auseinander. Wenn zehn Kolleginnen und Kollegen ihre Porträts über verschiedene Tools, mit unterschiedlichen Ausgangsfotos und unterschiedlichen Einstellungen erzeugen, bekommen Sie zehn Bilder mit zehn verschiedenen Lichtstimmungen, Hauttönen und Bildsprachen. Nebeneinander auf einer "Über uns"-Seite sieht das unruhig aus.
Ein Shooting löst das nebenbei: gleiches Licht, gleicher Hintergrund, gleiche Bildsprache. Für eine Corporate Identity ist diese Einheitlichkeit oft der eigentliche Wert – mehr noch als das einzelne Bild.
Der Zeitgewinn ist kleiner, als er aussieht
Das häufigste Argument für KI-Headshots lautet: schneller und billiger. Beim Generieren stimmt das auch. Bei dem, was danach kommt, aus meiner eigenen Erfahrung nicht.
Ein KI-Bild, das am Ende wirklich brauchbar sein soll, landet genauso in Photoshop wie jede echte Aufnahme – und kostet dort ungefähr gleich viel Zeit. Nur aus einem anderen Grund. Bei einer echten Aufnahme arbeite ich an Feinheiten: Hautton, Licht, kleine Ablenkungen im Bild. Bei einem generierten Bild arbeite ich an Details, die nicht ganz zusammenpassen. Ein Ohrring, der nur auf einer Seite auftaucht. Eine Kragenkante, die nicht sauber durchläuft. Ein Brillenbügel, der auf halbem Weg verschwindet. Haaransätze, die etwas unsauber ausfransen.
Einzeln betrachtet sind das Kleinigkeiten. Nur entscheiden genau solche Kleinigkeiten darüber, ob ein Porträt am Ende sauber wirkt.
Ein Teil davon lässt sich mit weiteren Durchgängen oder Bearbeitung nachbessern, das stimmt. Aber verlässlich wird es erst mit handfester, intensiver Retusche – und dabei kommt ein Problem dazu, das es bei einer echten Aufnahme nicht gibt: Es fehlt die Referenz. Wenn ich ein echtes Foto bearbeite, weiß ich, wie die Person aussieht, weil sie vor mir gestanden ist. Bei generiertem Material rekonstruiere ich ein Detail, das es so nie gegeben hat – und baue im Zweifel etwas ein, das schlicht falsch ist. Ein Ohrläppchen, ein Haaransatz, eine Kragenform, die mit dem realen Menschen nichts zu tun haben.
Wer aus KI-Material also wirklich professionelle Qualität will, kommt um einen professionellen Workflow nicht herum. Die Ersparnis liegt dann nicht mehr in der Nachbearbeitung, sondern nur noch im Shooting selbst – und genau das ist der Teil, der bei einem Business-Porträt den eigentlichen Wert schafft.
Wo ich generative Verfahren selbst einsetze - Für die Umgebung, nicht für den Menschen – und warum das auch rechtlich der ruhigere Weg ist
Nicht jeder Ort gibt einen guten Hintergrund her. Manchmal ist das Büro schlicht unruhig, das Konfi zu eng, die Wand in einer Farbe gestrichen, die niemandem schmeichelt. Früher hieß das: Kompromiss oder Studio. Heute lässt sich der Hintergrund einer echten Aufnahme sauber ersetzen oder erweitern – neutral in einer Markenfarbe, als ruhiger Studiolook oder als dezente Büroumgebung. Hintergrund-Ersetzen ist eine alte, herkömmliche Praxis, aber sie ist jetzt durch KI viel effizienter.
Der entscheidende Unterschied: Der Mensch auf dem Bild ist echt. Ihr Gesicht, Ihr Ausdruck, Ihre Haltung, Ihr echtes Licht. Nur die Umgebung wird angepasst – so, wie es in der Bildbearbeitung seit Jahrzehnten üblich ist.
Das ist die Arbeitsteilung, die technisch Sinn ergibt: generative Verfahren für das, was echt wirken muss – die Kamera für das, was echt ist. So bekommen Sie Flexibilität bei der Optik, ohne dass Ihre Person zur Erfindung wird.
Nebenbei löst dieser Weg eine Frage, die bei vollständig generierten Porträts offen bleibt: Wer auf dem Bild zu sehen ist, hat der Aufnahme zugestimmt und weiß, wofür sie verwendet wird. Warum das mehr Gewicht hat, als man zunächst denkt, steht gleich im nächsten Abschnitt.

Rechtlich: Was sich ab August 2026 ändert
Ein Punkt, den viele Unternehmen noch nicht am Schirm haben: Der EU AI Act (Verordnung (EU) 2024/1689) bringt mit Artikel 50 Transparenzpflichten für KI-generierte Inhalte. Die relevanten Pflichten gelten ab 2. August 2026.
Was heißt das konkret? Wer ein Bild mit KI erzeugt oder verändert, das echt wirkt, muss das offenlegen (Art. 50 Abs. 4). Der Gesetzestext spricht von Deepfakes. Damit ist aber nicht nur der bekannte Fall gemeint, bei dem jemandem Worte in den Mund gelegt werden. Es geht um alles, was den Eindruck erwecken kann, eine echte Person, ein echter Ort oder ein echtes Ereignis zu sein.
Ein Porträt, das aussieht wie ein Foto, aber keines ist, kann also darunter fallen.
Zusätzlich müssen Anbieter von KI-Systemen künftig synthetische Inhalte technisch bzw. maschinenlesbar kennzeichnen (Art. 50 Abs. 2). Für Unternehmen bedeutet das: Wer sich selbst oder Mitarbeiterinnen vollständig mit KI generieren lässt, muss mit zusätzlichem Erklärungsbedarf rechnen – gerade dort, wo Vertrauen entstehen soll. Eine echte Aufnahme mit verändertem Hintergrund ist in dieser Hinsicht deutlich unkomplizierter.
Recht am eigenen Bild – der unterschätzte Teil
Der AI Act regelt die Kennzeichnung. Das Recht am eigenen Bild ist davon unabhängig und für Firmen oft der praktisch heiklere Punkt.
Es betrifft zwei Situationen:
Erstens: generierte Gesichter, die niemanden Bestimmten darstellen sollen. Das betrifft weniger klassische Mitarbeiterfotos als Lifestyle- und Stimmungsbilder – die vermeintlichen Kunden auf der Website, das "Team" im Werbebanner, Menschen in Anwendungsszenen. Genau dort wird generiertes Material am häufigsten eingesetzt, und genau dort wird der Punkt unterschätzt.
Die Annahme "die Person existiert ja gar nicht, also kann sich niemand beschweren" ist nicht gut genug. Modelle sind auf realen Gesichtern trainiert, und Ähnlichkeiten sind kein Zufall, sondern eingebaut. Wenn sich ein realer Mensch in einem generierten Bild wiedererkennt – und Dritte ihn darin erkennen –, kann daraus ein Anspruch entstehen. In Österreich schützt § 78 UrhG die berechtigten Interessen der abgebildeten Person, und dieser Schutz hängt nicht daran, wie das Bild technisch entstanden ist.
Zweitens, und viel häufiger: KI-Headshots von echten Mitarbeitenden. Diese Tools brauchen als Eingabe Fotos der jeweiligen Person. Damit verlässt das Gesicht einer Mitarbeiterin das Unternehmen und landet bei einem Anbieter, oft außerhalb der EU, oft mit Nutzungsbedingungen, die kaum jemand liest. Dazu kommen Fragen, die im Alltag schnell unangenehm werden: Wurde wirklich freiwillig zugestimmt – bei einem Dienstverhältnis keine Selbstverständlichkeit? Was passiert mit dem generierten Bild, wenn die Person das Unternehmen verlässt? Und wer haftet, wenn ein Bild sie in einer Weise zeigt, mit der sie nicht einverstanden ist?
Das betrifft am Rande auch meine eigenen Werkzeuge. Adobe hält zu den eingebundenen Modellen fest: "Your content is never used to train partner generative AI models or Adobe models" (Adobe Help), dazu vertragliche und technische Schutzmaßnahmen und Vorgaben wie die DSGVO. Nur: Die Daten verlassen dabei den eigenen Rechner und die EU. Was danach im Detail passiert, ist von außen nicht mehr überschaubar. Man verlässt sich auf eine Zusage.
Bei einem klassischen Shooting sind diese Fragen seit Jahrzehnten geregelt: eine schriftliche Einwilligung, in der Verwendungszweck, Dauer und Umfang festgehalten sind. Eine eingespielte Lösung – und bei Firmenaufträgen ohnehin üblich.
Disclaimer: Keine Rechtsberatung!! – Aber die Tendenz ist, je stärker ein Bild vorgibt, echt zu sein, desto mehr Kennzeichnungspflicht wird dabei sein.
Quellen: Verordnung (EU) 2024/1689, Artikel 50 – Volltext auf ai-act-law.eu · Überblick zu Fristen und Umsetzung: TÜV Rheinland Consulting
Die eigentliche Frage
Sie lautet nicht "KI oder Fotograf". Sie lautet: Was macht es mit Ihrer Außenwirkung, wenn Ihr Bild nicht echt ist?
Ein Business-Porträt ist kein Dekoelement. Es steht dort, wo jemand eine Entscheidung über Sie trifft – bevor Sie ein Wort gesagt haben. Auf LinkedIn, im Angebot, auf der Website. Alles, was dieses Bild an Zweifel auslöst, arbeitet gegen genau diese Entscheidung.
Und Zweifel entstehen leiser, als man denkt. Niemand schreibt Ihnen: "Ihr Foto wirkt generiert." Man klickt weiter. Man fragt beim Mitbewerber an. Der Schaden ist unsichtbar und deshalb doppelt unangenehm.
Genau darin liegt umgekehrt der Mehrwert der echten Aufnahme: Sie hat eine zweite Ebene – Ausdruck. Charakter, Emotion, ein Moment, den es wirklich gegeben hat. Ein Foto von Ihnen. Das macht ein Porträt einzigartig. Ein generiertes Bild kann vieles davon nachahmen. Nur gehören tut es niemandem.
Da steht ein Name darunter, eine Funktion, eine Firma. Es geht darum, dass jemand Ihnen glaubt, bevor er Sie kennt. Und dafür braucht es einen echten Menschen vor der Kamera – auch wenn der Hintergrund danach ein anderer wird.
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Transparenzhinweis: Beim Schreiben dieses Textes hat mir KI geholfen. Jedes Argument und jede Erfahrung darin stammt aus meiner eigenen Arbeit. Als starker Legastheniker sind diese Werkzeuge für mich ein Beschleuniger im Alltag, von dem ich enorm profitiere – sie ersetzen nicht das Denken dahinter, sondern verkürzen den Weg vom Kopf auf die Seite.

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